Anna Tomowa-Sintow gab im Oktober'99 ihr mit großer Spannung erwartetes Debüt als Turandot in Puccinis gleichnamiger Oper am Gran Teatre del Liceu in Barcelona. Ihre Vorstellungen awaren Teil der Eröffnungsserie des wiedererbauten Liceu. Die vielumjubelte Künstlerin konnte mit ihrem neuesten Debüt einen triumphalen Erfolg bei Publikum und Presse feiern. Ihr zur Seite standen Montserrat Martí, die als Liù ebenfalls ein Rollendebüt gab, und Boiko Zvetanov als Calaf. Bertrand de Billy, der neue musikalische Leiter des Gran Teatre del Liceu, dirigierte die von Nuria Espert inszenierte und von Ezio Frigerio und Franca Squarciapino prächtig ausgestattete Inszenierung mit der hier sich am Ende das Leben nehmenden Turandot.

 

 

"...das Publikum feierte Anna Tomowa-Sintow mit einem herzlichen und stürmischen Applaus. Mit ihrem Debüt in der mörderischen Partie der Prinzessin Turandot gab sie eine vollkommen überzeugende Wiedergabe dieser Rolle.... Eine Vorstellung von höchster Qualität. "

La Vanguardia, Barcelona, Roger Alier, 29. 10. 1999

 

"Der Empfang, der in dieser Serie der Produktion, den Solisten, dem Orchester und dem Chor bereitet wurde, war unübertrefflich .... Anna Tomowa-Sintow zeigte bei ihrem Debüt in der Rolle der chinesischen Prinzessin ihre gewohnt große Klasse mit erstaunlicher Phrasierungskunst, reicher, pastoser Stimmfarbe und ausserordentlicher Stimmprojektion .... Die Sanftmut, die sie dabei ebenfalls vermittelte, riß das Publikum enthusiastisch mit."

ABC, Madrid, Pablo Meléndez-Haddad, 28. 10. 1999

 

Noten wie Tränen...

"Unter den Besetzungen, die einander gefolgt sind und die uns erlaubt haben, mit Giovanna Casolla und Eva Marton zwei erfahrene Turandots in Puccinis Oper zu hören, war es Anna Tomowa-Sintow, die mit ihrer Interpretation dieser Partie zum wahren Ereignis wurde: "Wenn ich heute in der Lage bin, die Prinzessin Turandot zu interpretieren, so habe ich dies zweifellos Herbert von Karajan zu verdanken. Nicht, daß er mir diese Titelrolle anvertraut hätte: er war viel zu sehr besorgt, daß ich meine stimmlichen Qualitäten für das Repertoire von Mozart und Strauss bewahrte, und ich habe seine Ratschläge immer befolgt. Aber ich habe von ihm gelernt, daß man eine Partitur zuerst mit absoluter Präzision studieren muß, bevor man sich selbst gehen lassen kann. Dieser Rat war für mich für Turandot besonders wichtig. Da ich nicht mehr Mozart singe, habe ich das Gefühl, daß diese Puccini Oper stimmlich keine Gefahr mehr für mich bedeutet. Ich habe mein Repertoire Schritt für Schritt aufgebaut. Seit zehn Jahren habe ich Opern wie Fürst Igor von Borodin, die Kaiserin in Frau ohne Schatten, Strauss' Ägyptische Helena, Norma, Santuzza in Mascagnis Cavalleria Rusticana, Strauss' Salome (hier in Barcelona während der letzten Spielzeit) und schließlich Sieglinde in Wagners Die Walküre hinzugefügt. Während einer Unterhaltung mit Bertrand de Billy, der die Puccini- Oper bei der Wiedereröffnung des Liceu dirigieren sollte, wurde das Projekt geboren. Turandot war bis dahin für mich tabu. Ich hatte meine Zweifel. Aber der wahnsinnige Wunsch, bei der Wiedereröffnung dieses einmaligen Theaters dabei zu sein, hat schließlich gesiegt." Der Musikdirektor Bertrand de Billy bestätigt: "Anna ist ein großer Profi, eine Künstlerin, die ich seit vielen Jahren bewundere, aber ich hätte nicht gedacht, daß sie sich an Turandot herantrauen würde. Als wir diese Möglichkeit für Barcelona diskutiert haben, war Anna damit einverstanden, diese mörderische Partie für nur drei Vorstellungen einzustudieren. Ich bin ihr unendlich dankbar dafür. In unserer Version des Finales kenne ich keine andere Interpretin, die die Pianissimo Nuancen so sehr zu respektieren weiß und den radikalen Charakterwechsel dieser Partie mit so viel Emotion zu porträtieren versteht wie sie."
"Die Figur der Turandot ist verbunden mit der asiatischen Kultur und Philosophie" fügt Anna Tomowa-Sintow hinzu. "Man darf die spirituelle Erhabenheit nicht vergessen, die sie von der Masse abhebt. Turandot singt die Noten wie Tränen, die fließen. Übrigens war es vor dem letzten Krieg üblich, die Rollen der Turandot und der Liù mit der gleichen Art von Sopran zu besetzen." Hätte Anna Tomowa-Sintow diese Rolle auch in einem anderen Theater gesungen? "Für ein Debüt, und auch, um sich an den Klang der neuen Rolle zu gewöhnen, ist die außergewöhnliche Akustik des Liceu ein wahrer Gewinn. Es gibt kein Echo, und die Stimme fühlt sich frei. Seltsamerweise kommt mir das Ergebnis intimer vor als vorher."

Le Monde de la Musique, Paris, Georges Gad - December 1999